Attachement Parenting: Bindung ist alles

Habt ihr schon mal etwas von Attachement Parenting gehört? Noch nicht? Dann mal aufgepasst, denn es handelt sich dabei um ein Erziehungsprinzip mit interessanten Ansätzen, das allerdings auch ein paar Fragen aufwirft.

Fotocollage Mutter und Baby

Was bedeutet Attachement Parenting eigentlich? 

Attachment Parenting bedeutet frei übersetzt so viel wie „bindungsorientierte Erziehung“ und ist unter dieser Bezeichnung auch schon seit einiger Zeit in Deutschland bekannt 

Das Prinzip dahinter beruht darauf, dem Kind so früh wie möglich und so lange wie möglich so viel Nähe wie möglich zu geben. Dies soll die natürlichen Bedürfnisse des Kindes erfüllen und für eine sichere Bindung zwischen Mutter und Kind sorgen. Im Kern orientiert sich alles rein an den Bedürfnissen des Kindes.  

Der Begründer des Attachement Parenting 

Entwickelt wurde wurde diese Methode vom amerikanischen Kinderarzt Dr. William Sears, der selbeacht Kinder hat. Er vertritt die Auffassung, dass Mütter die Signale ihres Säuglings verstehen lernen und auf sämtliche davon reagieren müssen. Die Grundlagen der Attachment Parenting-Methode entwickelten Sears und seine Frau Martha bereits in den 1980ern. 2001 brachten sie gemeinsam „Das Attachment Parenting Buch“ heraus, in dem sie  ihre Theorie einer instinktorientierten und auf einer harmonischen Mutter-Kind-Bindung basierten Erziehung ausformulierten. Einen der Kernpunkte bilden die sogenannten 7 Baby-Bs.

Die 7  Baby-Bs

Birth Bonding: Aufnahme von Körper- und Augenkontakt zwischen Mutter und Kind direkt nach der Geburt.

Breastfeeding: Stillen statt Flaschennahrung

Babywearing: Möglichst häufiges Tragen des Babys am Körper

Bedding close to baby: Schlafen in der Nähe des Kindes

Belief in the language value of your baby's cry: Schreien ist die Sprache des Kindes und sollte auch also solche behandelt und beachtet werden

Beware of baby trainers: Kein Schlaftraining

Balance: Finden des Gleichgewichts zwischen den Bedürfnissen des Babys und denen der Mutter

Zusammengefasst fordern diese sieben Punkte Eltern im Grunde auf, ihren natürlichen Instinkten zu folgen und das Baby bedingungslos mit allem zu versorgen, was es braucht. Eine tiefe Bindung und ein absolutes Vertrauen zwischen Kind und Mutter gilt hier als Grundlage von allem und soll im Endeffekt sogar dafür sorgen, dass das Kind später durch eine ausgeprägte Kooperationsbereitschaft auch besser erziehbar sein wird.

Es regt sich allerdings auch Kritik an dem Konzept

Kritik

Die Kritiker ließen nicht lange auf sich warten und so sah sich das Ehepaar Sears mannigfaltigen Vorwürfen ausgesetzt. Ihm wurde die Kenntnis einschlägiger zeitgenössischer Fachliteratur abgesprochen und es wurde bemängelt, dass sich die Theorien zum größten Teil auf eigene elterliche Erfahrungen so wie die befreundeter Eltern stützten. Aus einer anderen Ecke wurde ihm Frauenfeindlichkeit unterstellt, weil es die Mütter in überholte Rollenmodelle zurückdränge, und auch der Instinktbegriff stieß auf Widerstand, weil dieser nach Meinung der zeitgenössischen Humanforschung im Zusammenhang mit menschlichem Verhalten als überholt gelte.

Doch während diese Kritikpunkte, berechtigt oder nicht, zu einem Großteil auf einem ideologischen Spielfeld ausgefochten werden, haben es betroffene Mütter häufig mit einem viel profaneren Problem zu tun.

Es fällt ihnen angesichts der Belastungen des modernen Lebens teilweise extrem schwer, den Anforderungen von Attachment Parenting gerecht zu werden. Dies führt zu Überforderung, zu Schuldgefühlen und zur übertriebenen Angst, dass sie ihrem Kind gleich schweren Schaden zufügen, wenn es ihnen nicht gelingt, bei jeder leichten Unmutsäußerung des kleinen Wesens in Sekundenschnelle zur Stelle zu sein.

Entspannt bleiben mit Augenmaß

Bei solchen Ängsten wird häufig der siebte Punkt der „7 Baby-Bs“ vergessen: Balance. Auch die Mutter hat Bedürfnisse und Verpflichtungen. Auch ihr seid nur Menschen, und auch ihr könnt nur so viel tun, wie eure Lebensrealität und eure eigene Belastbarkeit zulassen. Ansonsten kann die Grenze zur Selbstaufopferung oder sogar bis zur Selbstaufgabe irgendwann überschritten. Und das kann nicht Sinn und Zweck der Sache sein. Zudem läuft auch die Partnerschaft Gefahr, zu kurz zu kommen. Oder das Geschwisterkind, weil nur das Baby im Mittelpunkt steht und die Eltern ununterbrochen darauf fixiert sind, ihm alles recht zu machen.  

Viele eigentlich nützliche Ideen werden schädlich, wenn sie zum Dogma werden und keine Abweichung erlauben. Wenn ansonsten alles in Ordnung ist, wird euer Kind nicht gleich traumatisiert sein, sobald ihr einmal nicht gleich zu ihm könnt oder genervt reagiert. 

Man mag über den Begriff „Instinkt“ streiten, aber wir können ihn genauso gut mit Intuition und Empathie ersetzen. Die ganze Idee des Attachment Parenting beruht im Grunde nur darauf, verständnisvoll und empathisch auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen. Auch bei Umsetzung dieser Ideen gilt es aber, Fingerspitzengefühl und Flexibilität zu behalten. Bindung ist gut, aber zu viel Nähe kann für manche Kinder auch erdrückend sein, wenn sie beginnen, ein Autonomieverlangen zu entwickeln.

Bei Fehlverhalten muss nicht in jedem Fall getadelt oder sanktioniert werden. Vielmehr gilt es, die Ursachen zu ergründen und ggf. dort anzusetzen. Hat euer Kind Angst, Frust oder fühlt es sich womöglich gestresst? Kann es sein, dass ihr selbst das Fehlverhalten des Kindes ausgelöst habt? 

Auch mit noch so viel Attachment Parenting sollte euch aber klar sein, dass es nicht das Ziel sein kann, ein Kind zu haben, welches immer brav und angepasst ist, euren Bedürfnissen entspricht und sich stets perfekt erzogen zeigt. Ein Kind ist ein eigenständiger Mensch mit eigenem Willen sowie eigenen Ideen und Wünschen. Als Eltern ist es unsere Aufgabe, es auf dem Weg zu begleiten und zu helfen, ohne ihm die Richtung vorzuschreiben. Wenn ihr eurem Kind etwas verbieten müsst, weil es gefährlich ist oder weil ihr dieses spezielle Verhalten nicht tolerieren könnt, solltet ihr euch die Zeit nehmen und ihm erklären, warum es etwas nicht darf. Warum darf es den Ball nicht auf die Straße kicken? Warum genau soll es nicht einfach so auf die Straße laufen? Warum muss es sich vor dem Essen die Hände waschen? Einfach nur verbieten kann jeder. Je logischer ihr es eurem Kind erklärt, desto eher wird es das Verbot aus eigenem Begreifen annehmen. Und vor allem wird es dann nicht versuchen, es zu unterlaufen, wenn es sich unbeobachtet fühlt. Kinder wollen schließlich die Welt verstehen!  

Im Grunde kann man sagen: Attachement Parenting bedeutet, euer Kind so zu behandeln, wie ihr es euch von euren Eltern gewünscht hättet.

Bindung und Loslassen

Je kleiner das Kind ist, desto wichtiger ist eine stabile Eltern-Kind-Bindung. Im Kleinkindalter werden die Grundlagen für eine Bindung gelegt, die das ganze Leben durchzieht. Dies zahlt sich insbesondere aus, wenn das Teenageralter kommt. Gerade wenn die Kinder flügge werden, wenn Abgrenzungstendenzen und Selbstbehauptungsgefechte stattfinden, bewahrt eine tiefe Bindung beide Seiten vor einem ernsthaften Zerwürfnis. 

Attachement Parenting verfolgt den Ansatz, dass Kinder, die genau wissen, dass sie sich auf ihre Eltern verlassen können, viel ausgeglichener und lernfähiger sind als ihre Altersgenossen mit schlechterer Bindung. Sie sind psychisch stabiler und besitzen meistens auch ein besseres Selbstwertgefühl 

Hier stehen zwei Prinzipien gegeneinander: Das Kind sollte immer dann Zuwendung bekommen, wenn es sie benötigt, und zwar uneingeschränkt. Zugleich braucht es aber auch immer einen gewissen Grad an Freiräumen, der seinem Alter angepasst werden sollte. 

Eine zu enge Bindung kann dem Kind die Freiräume nehmen, die es braucht, um die Welt zu erforschenSchließlich soll es ja zum selbständigen Erwachsenen heranwachsen. Dafür braucht es Feingefühl, um dem Kind jeweils die Freiräume zu geben, die seinem Alter und seinem Naturell angemessen sind.

Bei Babys müssen die Bedürfnisse ohne Wenn und Aber unmittelbar befriedigt werden. Ein Kleinkind kann irgendwann auch verstehen, dass es außer ihm auch noch anderen Menschen gibt, die Bedürfnisse haben, und es manchmal zurückstecken muss.  

Attachement Parenting oder nicht – taugt diese Methode für uns und unser Kind? 

Attachement Parenting ist in vielem ein wertvoller Ansatz. Dass Babys viel Liebe und Nähe brauchen, steht außer Frage. Auch dass die Bindung zwischen den Eltern, insbesondere der Mutter, und dem Kind eine extrem wichtige Rolle spielt, leuchtet durchaus ein. Darüber hinaus aber ist euer Fingerspitzengefühl gefragt, denn ein Patentrezept ist die Methode nicht. Zu individuell sind die Bedürfnisse und Charaktere der Kinder, wenn sie älter werden. Wenn ihr nicht rechtzeitig mit einem behutsamen Lösevorgang beginnt, lauft ihr Gefahr, das Kind tatsächlich zu verwöhnen oder ihm die Chance auf das Entwickeln von Selbstständigkeit zu nehmen. Beginnt ihr zu früh und in zu starkem Maße, kann es sein, dass das Urvertrauen leidet. Allerdings beruht Attachment Parenting auch auf der Idee einer funktionierenden Kommunikation zwischen Kind und Eltern. Wenn ihr aufmerksam seid, werdet ihr die Zeichen eures Kindes schon lesen können. Und auch eure eigene innere Stimme solltet ihr keinesfalls ignorieren.  

Auf jeden Fall ist Attachement Parenting ein wunderbarer Ansatz, um eurem Baby ein Gefühl  von Sicherheit, Geborgenheit und Liebe zu vermitteln, und das ist so wichtig. Darum braucht ihr auch ganz gewiss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ihr es viel tragt oder nicht schreien lasst. 

Ob und in welchem Umfang Attachment Parenting für euch jedoch nutzbar und sinnvoll ist, hängt von den Rahmenbedingungen und eurem Kind ab. Vor allem ist aber wichtig, dass ihr eurem Kind ein liebevolles Zuhause gebt, in dem es sich sicher und geborgen fühlt. Behandelt Attachment Parenting eher wie eine Leitlinie und nicht wie ein ehernes Gesetz, das euch kaum Luft zum Atmen lässt. 

Erziehung ganz individuell 

Eine gute Mischung aus Zuneigung, Liebe, Distanz und Nähe, Setzen von Grenzen und Gewähren von Freiheiten – ganz ohne Schläge und Schreierei – ist allemal besser, als sich strikt an ein starr vorgegebenes Konzept halten zu müssen.

Wie man sein Kind letzten Endes am besten erzieht, dafür gibt es sowieso kein Patentrezept. Dass Liebe und Fürsorge aber an erster Stelle stehen sollten, versteht sich ohnehin von selber. 

Und damit sind wir dann doch wieder beim Instinkt – Pardon! Bei Intuition und Empathie! Jedenfalls gute Zutaten, um ein Kind liebevoll beim Aufwachsen zu unterstützen.