schreibaby

Perfektionismus: Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Kerstin Schwede

Herzlich willkommen heute geht es um Perfektionismus oder der Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit.
Gehört dein Baby auch zu den Babys, die eindeutig zu viel schreien?
Würdest du vielleicht sogar sagen, dass dein Baby ein Schreibaby ist?
Eins ist schon mal klar: Du bist mit diesem Problem ganz sicher nicht alleine. Denn man schätzt, dass bis zu 20% aller Kinder Schreikinder sind.

Aber was macht ein Kind überhaupt zum Schreikind?

Eine Definition, ab wann man ein Baby als Schreibaby bezeichnet, gibt es ja schon seit einiger Zeit. Die so genannte „Dreierregel“ besagt, dass ein Baby, welches an mehr als drei Tagen pro Woche mehr als drei Stunden lang über einen Zeitraum von mehr als 3 Wochen schreit, als Schreibaby gilt. Aber warum werden manche Babys Schreibabys? Und: Gab es dieses Phänomen früher, also zu Omas Zeiten, auch schon?

Hohe Anforderungen an sich selber und an das Baby

Erstaunlicherweise gab es das Phänomen Schreibaby vor mehreren Jahrzehnten tatsächlich noch nicht. Und auch in vielen Ländern, die industriell weniger entwickelt sind, sind Schreibabys unbekannt. Klar, dass jedes Baby auch mal schreit, aber von Schreibaby würde dort niemand sprechen. Man könnte jetzt so argumentieren, dass eine Reizüberflutung – die ja bekanntlich oftmals dazu führt, dass Babys vermehrt schreien – vor mehreren Jahrzehnten noch nicht wirklich gegeben war und die Babys in ärmeren Ländern ebenfalls weniger unter Reizüberflutung leiden. Sicherlich ist das ein Argument.
Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Aspekt: nämlich den, dass die Anforderungen an uns selber hierzulande immer und immer höher werden.

Perfektionismus – Die perfekte Familie

Heutzutage wird einfach alles bis ins Detail durchgeplant und durchorganisiert. Heutige Paare warten so lange ab, bis sich ein Baby auch wirklich perfekt mit der Karriere vereinbaren lässt.
Kinder kommen heute nicht einfach, sondern die Schwangerschaft wird generalstabsmäßig geplant. Erst wenn alles unter Dach und Fach ist, wenn beide ihre Karriere so weit vorangebracht haben wie gewünscht, wäre die Krönung noch ein Baby. Dies ist dann sozusagen das i-Tüpfelchen der Familie.

"Und dann sind die Erwartungen leider erfahrungsgemäß oftmals sehr hoch."

Alles muss funktionieren! Schon nach kurzer Zeit geht Baby in die Krippe, damit die Mutter wieder ihren Beruf aufnehmen kann. Ganz nebenbei managt die Frau natürlich den Haushalt, ihre Hobbys, geht zum Sport und steht natürlich auch im Beruf uneingeschränkt zur Verfügung.
Die Anforderungen sind nicht nur an Mütter heutzutage enorm hoch. Vor allem aber setzen sich die Eltern selber recht hohe Ziele.

Und jetzt kommt´s: Die Vorstellung, dass nun endlich ein Baby die kleine Familie krönt, dass alles noch ein bisschen perfekter wird, wenn der Nachwuchs erst mal da ist und alle beglückt, platzt leider viel zu schnell wie eine Seifenblase, wenn das Kind schreit und schreit.

Denn mal ehrlich: so hat man sich das ja dann doch nicht vorgestellt. Ein kleiner Wonneproppen, den alle gern haben und der viel schläft – das ist wohl der (unrealistische) Traum aller Eltern. Und am besten sollte das Leben heutzutage mit Kind genauso weitergehen wie ohne. Eine Familie, die es drauf hat, wuppt so etwas selbstverständlich und ohne Probleme. Aber so ist es eben leider häufig nicht – ganz im Gegenteil.

Ein Baby stellt alles auf den Kopf

Das Kind macht Eltern, die hier eine hohe Erwartungshaltung haben, nämlich allzu oft einen Strich durch die Rechnung. Alles muss perfekt sein: das Haus ordentlich, das Essen auf dem Tisch, der Job muss laufen, nebenher pflegt man natürlich seine Freundschaften und tut etwas für seine Gesundheit und die Fitness. Es dürfte doch nicht so schwer sein, das auch dann noch zu tun, wenn das Baby da ist, oder?
Leider vergessen perfektionistische Eltern dabei ganz schnell, dass ein Baby zuerst mal vor allem eines macht: alle Pläne gehörig durcheinanderwirbeln.

Nichts ist mehr, wie es war.

Deswegen ist es nie verkehrt, dass man mit Baby auch in der Lage ist, mal alle fünfe gerade sein zu lassen. Wenn die Wohnung einmal nicht perfekt geputzt ist – mal ehrlich: wen stört´s? Ist ein Baby da, gibt es definitiv Wichtigeres als den Haushalt.
Die Zeiten, in denen man wie bei „schöner wohnen“ wohnt, sind erstmal vorbei und kommen vielleicht später wieder – aber alles bitte zu seiner Zeit.

Vorzeigefamilie mit Schreibaby?

Natürlich ist der Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit immer schwierig zu bewerkstelligen. Und wer gibt schon gerne zu, dass die Familie (zum Beispiel weil das Baby die ganze Zeit schreit) nun leider doch keine so wirkliche Vorzeigefamilie ist?
Dass seit Wochen nicht mehr gekehrt oder gesaugt wurde, weil Baby die ganze Aufmerksamkeit erfordert? Dass die Mama nicht wie aus dem Ei gepellt und manchmal vielleicht sogar etwas ungepflegt aussieht, weil sie einfach nicht dazu kommt, etwas für sich selber zu machen? Weil der letzte Frisörtermin nun auch schon wieder ein paar Monate zurückliegt? Oder dass beide, Mutter und Vater, ständig schlechte Laune haben und an ihre Grenzen kommen, einfach deswegen, weil ihnen permanent Schlaf fehlt?
Genau: zugeben tut das wirklich keiner gern. Es ist aber auch keinem geholfen, wenn man sich die Misere nicht eingestehen kann oder will.
Also: Geht nicht so streng mit euch ins Gericht! Wenn euer Baby erstmal da ist, ist es wichtig, jeglichen Perfektionismus beiseite zu lassen, Meinst du wirklich, ihr wärt nur gute Eltern, wenn Euer Baby nicht schreit?
Ihr werdet im Laufe der Jahre sicherlich merken: Gute Eltern sein, das definiert sich auf ganz andere Art und Weise als daran, ob ihr euer Baby zur Ruhe bekommt oder nicht. Ganz davon abgesehen läuft in anderen Familien auch nicht immer alles glatt – auch wenn diese vielleicht manchmal das Gegenteil behaupten.

Wer ist schon perfekt?

Und: wollen wir das überhaupt sein?
Genau deswegen müssen realistische Eltern mit Babys, die viel schreien, einfach hier und da ein paar Abstriche machen. Klar hört das Baby deswegen nicht gleich auf zu schreien, aber trotzdem: Ihr macht es euch damit sicher ein Stück weit einfacher.
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Liebe Grüße Kerstin von swing2sleep

 


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2 Kommentare

  • Julia

    Feb 12, 2019

    Mein kleiner Mann ist kein Schreibaby, trotzdem erkenne ich mich in einigen Punkten des Textes wieder. Zwar hatte ich nicht vor gleich wieder zu arbeiten, aber irgendwie dachte ich auch es müsste alles wieder laufen wie vorher. Haushalt, Freunde, Sport, gesunde Ernährung usw. Tatsächlich sitze ich jetzt manchmal mittags im Schlafanzug auf dem Sofa, vor mir die super gesunde Packung Schokolade (eigentlich hatte ich gehofft das hört nach der Schwangerschaft auf…) und sobald ich Sohnemann weg legen will zieht er eine Schnute. Zugegeben sieht das ziemlich süß aus und er weiß inzwischen genau, dass jemand kommt wenn er nur laut genug meckert, aber schaffen tue ich trotzdem nichts. Im Laufe der letzten fünf Monate habe ich trotzdem meine Wege gefunden – Sport wird jetzt mit Baby getrieben, geduscht wird mit kleinem Zuschauer, Einkaufen geht zur Fuß viel stressfreier und dank der Federwiege habe ich jetzt auch mittags meist zwei Stunden um ein bisschen Haushalt zu machen. Ich hatte erst ein schlechtes Gewissen den kleinen da so “weg zu legen”, aber seit er da mittags so lange drinnen schläft ist die Quengelei abends so gut wie gegessen. Also lieber ein bisschen weniger Perfektionismus, dafür wesentlich entspanntere Tage.

  • Nicole

    Feb 12, 2019

    “Was an Perfektionismus unsererseits soll es mit gelegen haben?” Dachte ich während dem Lesen. Nein das kann nicht sein. Also Text mal kurz sacken lassenund drüber nachdenken. Hm, doch das ist was dran :)
    Was für uns in der schwierigsten und anstrengendsten Zeit am allerwichtigsten war: wann immer möglich Hilfe und Unterstützung annehmen! Zu Beginn war wie oben beschrieben immer alles ‘perfekt’ zu Hause. Sobald sich Besuch angekündigt hatte (und das ist mit großer Familie am Anfang leider sehr oft der Fall) wurde alles aufgeräumt und der Kaffeetisch gedeckt. Das geht vielleicht ein paar Wochen aber auf Dauer hält das mit einem Schreibaby keiner durch. Richtig wertvoll werden dann Freunde die vorbei kommen und einen Kuchen mitbringen, manchmal sogar noch einen zweiten, damit man für die nächsten Tage was hat. Und wenn die dann bevor sie gehen auch noch den Geschirrspüler aus- und wieder einräumen ist man ihnen einfach nur dankbar und merkt wie wichtig es ist Hilfe anzunehmen.


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