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Kindererziehung - damals und heute

Maik Schwede

Dass unsere Großeltern ihre Kinder noch anders erzogen, als es in der heutigen Generation der Fall ist, wissen wir wohl alle. Denn genau wie alles andere ändern sich auch die Erziehungsmethoden immer mal wieder. In den 70er Jahren war die anti-autoritäre Erziehung angesagt, in den Nachkriegsjahren jedoch hatten die Kleinen wahrlich nichts zu lachen. Mitunter finden wir Omas Erziehungsmethoden heute sogar regelrecht haarsträubend – gottseidank!  

Kinderfotos retro

Dennoch lässt es sich nicht bestreiten, dass einige der Erziehungsmethoden, die nach dem Krieg praktiziert wurden, uns auch heute noch beeinflussen.  

Johanna Haarer, Ärztin zur Zeit des Nationalsozialismus 

Johanna Haarer galt damals als die Koryphäe schlechthin in Sachen Erziehung. Ihre Bücher waren Bestseller, fast alle Mütter hatten ein Exemplar davon in ihrem Haushalt. Was in diesen Büchern propagiert wurde, lässt einem heute den Atem stocken und die Haare zu Berge stehen. Ihr Ratgeber wurde im Jahr 1934 veröffentlicht und trägt den Namen „die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. Und was in diesem Buch empfohlen wurde, ging generell mit dem Nazi Gedanken konform. Johanna Haarer wurde sogar von den Nationalsozialisten gezielt gefördert; ihre Ratschläge wurden damals in einheitlichen Mütterkursen unterrichtet und die Regeln zur Säuglingspflege nach ihren Ansichten vereinheitlicht. Immerhin nahmen in der damaligen Zeit ganze drei Millionen Mütter an derlei Kursen teil. Ihr Ratgeber war sogar die Grundlage für die Erziehung in Kindergärten und Kinderheimen, Ihr „Werk“ verkaufte sich immerhin 1,2 Millionen mal.  

Analytiker und Bindungsforscher gehen davon aus, dass ein Teil dieses „Wissens“ bis heute weitergegeben wurde und unsere Erziehung, ohne, dass wir uns dessen bewusst wären, immer noch davon beeinflusst wird – auf die eine oder andere Weise zumindest.  

Babys Bedürfnisse? Am besten ignorieren 

Damit der Nachwuchs ein guter Soldat und vor allem ein Mitläufer wird, wurde empfohlen, ihn bereits als Baby dementsprechend zu behandeln. Das Ergebnis dieser Erziehung sollte sein, dass die Kinder sowohl emotions- als auch bindungsarm werden würden. Ganz im Sinne des Nazi Regimes also: Menschen, die gnadenlos sind, die zu willenlosen Mitläufern werden und keinesfalls zu gefühlsduselig sein sollen. 

Explizit wird die junge Mutter davor gewarnt, ihr Baby mit zu großer Fürsorge zu behandeln. Es soll nicht aus seinem Bettchen herausgenommen werden, das Tragen und Wiegen auch das einfach auf dem Schoß halten sollte gänzlich vermieden werden. Denn ansonsten würde das Baby schnell lernen, dass es nur zu schreien braucht und somit diese Fürsorge einfordern kann. Es gibt keine Ruhe, bis es nicht seinen Willen hat. Und genau das galt es zu vermeiden.  

Das Baby wird hier regelrecht als Quälgeist angesehen, dessen Wille gebrochen werden muss. Die Mutter darf ihr Baby selbstverständlich wickeln und anziehen und auch füttern. Es jedoch mit Zärtlichkeiten zu überschütten, würde das Kind nur unnötig verweichlichen. Mütter wurden regelrecht dazu aufgefordert, ihre Babys zwar mit dem Nötigsten zu versorgen, sie ansonsten aber einfach in Ruhe zu lassen und mit Zärtlichkeiten und Berührungen äußerst sparsam umzugehen. Im Klartext: Mütter sollen ihre Babys schön auf Distanz halten. Es kommt noch schlimmer: Es wurde damals sogar empfohlen, Babys nach der Geburt 24 Stunden von ihrer Mutter zu trennen und sich nur in einem vernünftigen Deutsch, niemals aber in Babysprache mit ihnen zu unterhalten. Dass Mütter ihre Babys zudem auch schreien lassen sollten, ist die logische Konsequenz. Denn, so hieß es, das stärke die Lungen der Babys. Sinn der Sache war es, möglichst gefühlskalte Soldaten und Mitläufer hervorzubringen. Was möglicherweise auch gelungen ist.  

Es ging sogar so weit, dass Mütter ihre Babys, wenn sie sie überhaupt auf dem Arm hatten, mit möglichst wenig Körperkontakt hielten und ihnen auch nicht in die Augen schauten.  

Der Erziehungsgedanke wird unbewusst weitergegeben 

Doch wer erzieht seine Kinder heute noch so? Vermutlich keiner. Zum Glück! Dennoch - wenn man diesen Gedanken mal weiterspinnt - wie soll jemand, der es als Kind nicht gelernt hat, Bindungen aufzubauen, es schaffen, dies wiederum seinen Kindern oder Enkelkindern beizubringen? Viele Eltern geben, egal ob unbewusst oder bewusst, vieles von dem genau so weiter, wie sie es von Seiten ihrer Eltern am eigenen Leib erfahren haben. Das ist ganz normal und nur logisch, schließlich sind die eigenen Eltern lange Zeit Vorbild für ihre Kinder. 

Gibt es Hinweise dafür, dass die jetzige Gesellschaft möglicherweise unter den Folgen leidet?  

Möglicherweise schon, allerdings bislang nur in Ansätzen. Warum zum Beispiel werden heute so viele Ehen wieder geschieden? Warum gibt es so viele seelische Krankheiten wie Depression, Burn-out oder ähnliches? Warum werden überhaupt so wenig Babys geboren? Sicherlich können die Umstände auch andere Ursachen haben. Dennoch liegt der Verdacht nahe, dass gerade die Unfähigkeit, Beziehungen zu knüpfen, möglicherweise durch die früher herrschenden Erziehungsmethoden zumindest begünstigt werden. 

Fest steht, dass Kinder, die so erzogen werden, wie es Johanna Haarer vorgab, zweifellos zu emotionslosen und reflexionsunfähigen Wesen werden. Kinder, die nicht nachdenken, nichts fühlen und leicht verführbar sind, eignen sich perfekt für eine Kriegsgeneration. Wenn Babys jeglichen Körperkontakt untersagt bekommen, verkümmern sie seelisch, sie leiden, sie bekommen Todesangst und ein Bindungstrauma.  

Außerdem muss differenziert werden: genauso wie nicht alle Menschen mit dem Nazi Regime einig waren, waren auch nicht alle jungen Mütter anfällig für solche Erziehungsmethoden. Bei Eltern jedoch, die sich mit dem NS Regime identifizierten, fand sie genauso Anklang wie bei jungen, unsicheren Müttern, die aus zerrütteten Familien kamen und deren Mann an der Front kämpfte. Sie waren mit der Erziehung des Kindes auf sich alleine gestellt und dementsprechend für jegliche Hilfe und Tipps offen und anfällig.  

Johanna Haarer: Einfluss bis heute? 

Dennoch gibt es derzeit keine randomisiert-kontrollierten Studien, die genau dies bezeugen würden. Ob und inwiefern auch die Menschen heut noch unter dieser Art von Erziehung, die möglicherweise unbewusst weitergeben wurde, leiden, kann also nur vermutet werden.  

Allerdings gibt es sehr wohl Studien darüber, dass Eltern ihr Bindungsverhalten generell an die nächste Generation weitergeben. Alles andere sind Spekulationen. 

Man kann es aber drehen und wenden wie man will: heutzutage sind derlei Erziehungsmethoden gottseidank passé. Junge Eltern sind so gut aufgeklärt wie selten und man weiß, dass Nähe und Körperkontakt für Babys genauso wichtig ist wie die Nahrung. Es ist Nahrung für die Seele, welche wir unserem Nachwuchs niemals vorenthalten sollten.  

(Quelle: die Zeit 9/2018) 

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