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Attachement parenting: Erziehungslehre, die die Mutter-Kind Bindung fördern soll

Maik Schwede

Hast du schon mal etwas von Attachement parenting gehört? Noch nicht? Dann mal aufgepasst, denn es handelt sich dabei um ein Erziehungs-Muster, welches gute Ansätze birgt, aber sicherlich auch ein paar Fragen aufwirft. 

Fotocollage Mutter und Baby

Was heißt Attachement parenting eigentlich? 

Im Grunde genommen steckt das Wichtigste schon in der Bezeichnung. Denn das Wort Attachement heißt nichts anderes als Verbindung, Verknüpfung, aber auch Anhang oder Anhängsel bzw. Treue oder Zuneigung. Die Bedeutungen dieses Wortes sind vielschichtig, dennoch laufen alle etwa in dieselbe Richtung. Parenting, das dürfte klar sein, hat etwas mit der Elternschaft zu tun. Attachement parenting heißt also im Grunde genommen nichts anderes als eine Elternschaft mit enger Verbindung zum Kind.  

Aber natürlich steckt hinter diesem Begriff noch einiges mehr. Im Grunde genommen versteht man darunter eine Art Bindungserziehung, also eine Erziehungslehre, durch die die Mutter-Kind-Beziehung gefertigt werden kann und bei der die Eltern die Bedürfnisse des Kindes zu deuten und zu verstehen lernen, indem sie viel Zeit mit ihm verbringen und ihm viel Nähe und Geborgenheit schenken - eben genau das, was Babys so dringend benötigen 

Kurz gesagt: bei Attachement parenting bestimmt in erster Linie das Baby, was es braucht 

Der Begründer des Attachement Parenting 

Erfunden wurde diese Methode vom amerikanischen Kinderarzt Dr. William Sears, der selbeacht Kinder hat. Seine Idee ist ganz einfach die, dass Erziehung am besten funktioniert und die Bindung zwischen Eltern und Nachwuchs am intensivsten wird, wenn Eltern ihr Kind einfach mal machen lassen und sich nach seinen Bedürfnissen richten - weitestgehendGrundsätzlich ist diese Art von Erziehung nicht neu, hier in Deutschland jedoch ist sie gerade erst im Kommen. Natürlich hat alles seine Vorden seine Nachteile. Wissenschaftler jedoch sagen, dass es gar nicht so verkehrt ist, dem Kind einen gewissen Grad an Freiheit oder Selbstbestimmung zu lassen.  

Attachement parentingErziehung mit Vertrauen 

Es heißt, dass Eltern bei der Erziehung ihres Kindes auch auf ihr Herz hören sollen und nicht nur auf die Ratschläge der Umgebung oder des 101. Erziehungsratgebers, den sie gelesen haben. Sprich: „Höre auf dein Herz und höre, was dein Baby dir sagen will. Auch das Vertrauen wird bei Attachement Parenting groß geschrieben. Nämlich das natürliche Vertrauen darauf, dass wir das Richtige tun für unser Baby, wenn wir auf unser Herz hören. Wir vertrauen darauf, dass unser Baby, wenn es schreit, uns etwas mitteilen möchte, was in dem Moment für es ausgesprochen wichtig und nicht aufschiebbar ist.  

Wir vertrauen das Baby aber auch uns an - damit das Baby ein tiefes Vertrauen in uns bekommt und spürt, dass wir es egal unter welchen Umständen lieben und ihm helfen – natürlich auch dann, wenn es den einen oder anderen Fehler hat oder macht.  

Schreien ist ein Bindungswerkzeug 

Die einzige Möglichkeit für das Baby, um auf sich aufmerksam zu machenist das Schreien. Insofern ist das Schreien das Ausdrucksmittel überhaupt – wenn das Baby schreit, sollen Eltern lernen, es zu verstehen und darauf zu reagieren – das wiederum wirkt sich positiv auf die Eltern-Kind Bindung aus, da das Baby Vertrauen bekommt, wenn es merkt, dass die Eltern für es da sind. Herumtragen und generell Körperkontakt sollen hierbei zur Schreiprävention beitragen.  

Deswegen ist es gerade bei Attachement parenting auch ein Unding, das Baby schreien zu lassen – alles, nur das bitte nicht. Das Kind könnte dabei Schaden nehmen, weil es sich ungeliebt und unverstanden fühlt – grundsätzlich leuchtet das ja auch ein.  

Was kann man von einem Kleinkind erwarten?  

Richtig: erwarten kann man von einem Baby noch nicht allzu viel – außer, dass es sich auf uns verlässt, nämlich dass wir für es da sind und es bedingungslos lieben und annehmen. Eltern müssen also verstehen, dass man weder von einem Baby noch von einem Kleinkind erwarten kann und darf, dass es keinen Fehler macht, immer gehorsam ist oder sich vorbildlich benimmt. Wie sollte es das auch können? Kein Kind kommt perfekt auf die Welt.  

Das heißt aber auch, dass Eltern Verständnis haben sollen, wenn ihr Kind sich mal falsch“ verhältAnstatt das Kind zu tadeln oder zu bestrafen, solltet ihr also lieber versuchen herauszufinden, warum sich euer Kind so verhält. Hat es Angst, Frust oder fühlt es sich womöglich gestresst? Kann es sein, dass wir selber mit unserem Verhalten dieses unerwünschte Verhalten des Kindes hervorgerufen haben? 

Eltern sollten erkennen, dass es nicht das Ziel ihrer Erziehung sein kann, ein Kind zu haben, welches immer brav und angepasst ist, ihren Bedürfnissen entspricht und geradezu perfekt erzogen ist. Denn ein Kind ist ein eigenständiger Mensch mit eigenem Willen, Ideen und Wünschen. 

Attachement parenting: behandle dein Kind so, wie du es dir von deinen Eltern gewünscht hättest behandelt zu werden 

Elternsein ist nicht immer einfach – das ist uns wohl allen klar. Dennoch liegt auch gerade hierin die Herausforderung: wir wollen das Kind nicht zu lasch erziehen, ihm alles durchgehen lassen wollen wir natürlich ebenfalls nicht. Zu streng oder gar lieblos ist aber ebenfalls ganz sicher nicht der richtige Weg. Also heißt es, ein Zwischending zu finden. Wie Albert Einstein auch schon schlau merkteliegt hinter jeder Schwierigkeit auch eine Chance verborgen. Das gilt für alles im Leben, auch für das Elternsein. Wenn ihr also eurem Kind etwas verbieten müsst, einfach, weil es gefährlich ist oder weil ihr dieses spezielle Verhalten nicht tolerieren könntdann solltet ihr euch vielleicht die Zeit nehmen und eurem Kind auch erklären warum das so ist. Warum darf es den Ball nicht auf die Straße kicken? Warum genau soll es nicht einfach so auf die Straße laufen? Warum muss man sich vor dem Essen die Hände waschen? Einfach nur verbieten kann jeder. Je logischer ihr eurem Kind es erklärt, desto plausibler wird es. Kinder wollen schließlich die Welt verstehen 

Also: erzieht euer Kind mit viel Liebe und Respekt und zeigt ihm, was es heißtVertrauen in jemanden haben zu können. Schenkt ihm Mitgefühl und Liebe indem ihr dafür ein Vorbild sein. Umsorgt euer Kind, so lange es klein ist, so gut es nur geht und lasst ihm, je größer es wird, mehr und mehr Freiraum 

Die Bindung zum Kind – wie eng soll sie sein? 

Das ist natürlich generell die Frage. Fest steht: Je kleiner das Kind ist, desto wichtiger ist, dass es eine stabile Eltern-Kind Bindung gibt. Aber auch wenn das Kind in das Teenager Alter kommt, ist es immer positiv, wenn die Beziehung stark genug ist – manchmal kann dies beide Parteien vor dem Schlimmsten bewahren. Andersherum gesagt: Ist die Bindung miserabel, wird sie möglicherweise während dieser schwierigen Zeit erst recht nicht besser. Eine gute Bindung ist also sicher schon mal einen gute Grundlage und ein Fundament für die kritische Zeit, wenn das Kind in die Pubertät kommt.  

Auf jeden Fall ist man beim Attachement parenting der Meinung, dass Kinder, die genau wissen, dass sie sich auf ihre Eltern verlassen können, viel ausgeglichener und lernfähiger sind als ihre Altersgenossen. Und natürlich sind sie auch psychisch labiler und haben meistens auch ein besseres Selbstwertgefühl – auch das ist einleuchtend 

Dazu sollten Eltern immer zwei Prinzipien beherzigen: das Kind sollte immer dann Zuwendung bekommen, wenn es sie benötigt und zwar uneingeschränkt. Zugleich braucht es aber auch immer einen gewissen Grad an Freiräumen, der seinem Alter angepasst werden sollte. Zu eng darf die Bindung also insofern nicht sein, als dass die dem Kind auch Luft und Raum geben muss, dass es die Welt erforschen kann. Schließlich soll es ja zum selbständigen Erwachsenen heranwachsen. Nähe, Nähe und nochmals Nähe – bei einem Baby mag das gut und sinnvoll sein. Aber wird das Kind größer, ist es eben nicht mehr unbedingt angesagt, das Kind regelrecht an sich zu kletten. Denn wer dies tut, sorgt dafür, dass sein Kind niemals selbständig werden kann und dass seine natürliche Neugier an der Umgebung verkümmert.  

Bei Babys muss immer oberste Priorität haben, dass seine Bedürfnisse befriedigt werden – ein Kleinkind kann oder muss jedoch irgendwann auch verstehen, dass es außer ihm auch noch anderen Menschen gibt, die Bedürfnisse haben und dass seine eigenen Bedürfnisse deswegen nicht immer an erster Stelle stehen können.  

Gefahren von Attachment parenting und Grenzen 

Natürlich gibt es auch Kritiker dieser Erziehungsmethode. Und ganz klar hat Attachement parenting, so wie alles, auch Nachteile. Denn wer permanent auf die Bedürfnisse seines Kindes achten sollte, ist natürlich ganz schön gefordert. Es nie schreien lassen, immer umhertragen, bei sich
im Bett schlafen lassen bedeutet zwangsläufig permanente Nähe. Das ist gut so – aber ihr lauft dann natürlich auch die Gefahr, eure eigenen Bedürfnisse zu sehr zurückzustellen. Das kann so weit gehen, dass dies bis zur Selbstaufgabe führt – und das wiederum sollte natürlich niemals Sinn und Zweck der Sache sein. Außerdem birgt dies auch immer die Gefahr, dass die Partnerschaft deutlich zu kurz kommt. Oder das Geschwisterkind, weil das Baby an allererste Stelle rückt und die Eltern ununterbrochen darauf fixiert sind, ihm „alles recht“ zu machen 

Sicherlich ist es wichtig, prompt zu reagieren, wenn Baby weint. Allerdings ist es dann die Frage, ab wann die Eltern die Kurve kriegen (sollten), dass sie ihrem Kind eben auch mal Grenzen setzen, wenn nötig. Geht es nach der Attachment parenting Methode, lässt man sich die Kinder nämlich frei entfalten, was dazu führen kann, dass diese keine Grenzen haben und dies wiederum kann dann in „Verwöhnen“ enden.  

Genau deswegen wird attachement parenting von vielen auch als sehr kritisch angesehen. Mütter, die ihr Kind länger als „gewöhnlich“ stillen, viel umher tragen, längere Zeit bei sich im Bett schlafen lassen, sind vielen suspekt. Dennoch sollte es euch grundsätzlich mal egal sein, was andere Eltern von euch denken. Ihr müsst mit eurer Erziehungsmethode glücklich werden, das ist das Wichtigste.  

Die heutzutage allgemein übliche Unsicherheit der Eltern trägt allerdings dazu bei, dass man sich doch schnell aus dem Konzept bringen lässtKinder werden nämlich heute nicht einfach nach Bauchgefühl erzogen, so wie es früher war und auch heute noch in vielen anderen Kulturen üblich istsondern alles muss geplant werden und nicht selten werden zu dem Thema auch die unterschiedlichsten Erziehungsratgeber befragt.  

Attachement parenting oder nicht – taugt diese Methode für uns und unser Kind? 

Grundsätzlich sind die meisten Ansätze beim Attachement parenting gut und wertvoll. Vor allem, wenn es um den Umgang mit Babys geht – denn dass diese viel Liebe und Nähe brauchen, steht außer Frage. Darüber hinaus aber müsst ihr selber entscheiden, in welchem Maße ihr euer Kind an euch bindet oder nicht. Denn wie alles im Leben, so hat auch dies zwei Seiten. Extreme sind meistens nicht zu empfehlen - weder in die eine, noch in die andere Richtung. Also gilt es auch hier, für euch und euer Kind einen akzeptablen Mittelweg zu finden.  

Auf jeden Fall ist Attachement parenting aber schon mal ein wunderbarer Ansatz, um eurem Baby ein liebevolles Gefühl zu vermitteln – ganz ohne, dass ihr ein schlechtes Gewissen haben müsst, wenn ihr es viel tragt oder nicht schreien lasst. 

Vergessen darf man aber auch nicht, das jeder anders ist und jedes Kind anders reagiert. Nicht jedes hat in gleich hohem Maß das Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit. Das heißt also, dass jede Familie für sich selber herausfinden muss, ob Attachement parenting wirklich sinnvoll ist und wenn ja, in welchem Umfang. Man muss dafür nicht strengen Regeln folgen, sondern kann dies als Denkansatz ansehen, der ein paar Dinge vorgibt und dies der jeweiligen Familiensituation sowie dem Lebensalter des Kindes einfach anpassen.  

Erziehung ganz individuell 

Vermutlich ist eine gelungene Mischung aus Zuneigung, Liebe, Distanz und Nähe, Grenzen setzen, Freiheiten geben, ohne Schläge und Schreierei besser, als sich strikt an ein vorgegebenes Konzept zu halten. Attachement parenting ist nicht jedermanns Sache und vermutlich auch nicht der Weisheit letzter Schluss.

Wie man sein Kind am besten erzieht, dafür gibt es natürlich  kein Patentrezept. Das Liebe und Fürsorge aber an oberster Stelle stehen sollten, versteht sich ohnehin von selber. 

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Lasst euch als Eltern nicht aus dem Konzept bringen und hört auf euer Bauchgefühl!  


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