Emotionelle Erste Hilfe oder Bindung durch Berührung

Viele junge Eltern fühlen sich beim Zusammensein mit ihrem Baby verunsichert oder sogar überfordert. Wenn das Baby mehr schreit als die Eltern verkraften, verwandelt sich die ursprüngliche Vorfreude auf die erste Zeit mit dem Kind in einen Kreislauf aus Angst, Überforderung und Stress. Doch es gibt eine Methode, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Sie heißt Emotionelle Erste Hilfe und setzt auf den Zauber einer Bindung durch Berührung.

Bindung durch Berührung – der sanfte Weg

Ein untröstlich schreiendes Kind und gestresste Eltern im emotionalen Ausnahmezustand: Diese Konstellation kann zu einer dauerhaften Beziehungsstörung zwischen Eltern und Kind führen, die auch Konsequenzen für die spätere Entwicklung des Babys hat. Dabei ist eine positive Beziehung zwischen Eltern und Kind doch die Basis schlechthin für ein erfülltes und zufriedenes Familienleben.

Mama trägt Baby auf dem Arm

Leider wird oftmals unterschätzt, wie ausgesprochen wichtig Berührungen  und Körperkontakt mit Mama und Papa gerade für Neugeborene sind. Körperkontakt bedeutet so viel mehr als nur ab und zu eine Schmuserunde oder eine Streicheleinheit. Mittlerweile ist bekannt, dass Babys, die viel berührt werden und oft nahe bei Mama oder Papa sein dürfen, sich schneller beruhigen, besser schlafen, sich sogar insgesamt besser entwickeln und später mehr Selbstbewusstsein aufweisen. Berührungen sind in gewisser Weise auch ein Nahrungsmittel. Statt des Körpers wird damit jedoch sozusagen die Seele des neuen Erdenbürgers genährt.
Zärtlich berührt zu werden, heißt, geliebt zu werden! Das gibt Sicherheit und Geborgenheit.

Warum sind Berührungen so wichtig?

Neugeborene sind geradezu hungrig nach Berührung. Das ist kaum verwunderlich, denn noch im Mutterleib hatte das Baby zuletzt dauerhaft Kontakt mit dem Bauch der Mutter. Deswegen tun sich Babys nach der Geburt so schwer damit, alleine und ohne Hautkontakt zu sein. Ihnen fehlt die Wärme, das Umschlossensein und die Geborgenheit, zumal es die Umwelt in der ersten Zeit zum Großteil haptisch erfährt. Berührungen sind also nicht nur eine Annehmlichkeit für euer Neugeborenes, sie sind quasi lebensnotwendig. Durch Berührungen oder Massagen wird beim Baby das Bindungs- und Glückshormon Oxytocin ausgeschüttet. Das vegetative Nervensystem wird stabilisiert und die körperlichen und seelischen Entwicklungen des Babys gefördert. Berührungen sind ein ebenso wichtiges Grundbedürfnis eures Säuglings wie essen und schlafen.

Emotionelle Erste Hilfe – ein Konzept, das überzeugt

Grafik Berührungskonzept Emotionelle Erste Hilfe

Die „Emotionelle Erste Hilfe“ (kurz EEH) ist ein Konzept, das entwickelt wurde, um die Bindung zwischen Eltern und Kind durch die Kraft der Berührung vorbeugend zu stärken oder sie gezielt zur Krisenintervention einzusetzen. Ganz neu ist diese Idee allerdings nicht: Neueste Erkenntnisse der Gehirn- und Bindungsforschung führten bereits in den 90er Jahren zu Versuchen in diesem Bereich, allerdings gehen ihre Wurzeln noch weiter zurück bis hin zu Wilhelm Reich.

Die Idee dahinter ist eigentlich recht simpel: Sie geht davon aus, dass liebevolle Berührung seitens der Eltern immense positive Auswirkungen auf die Babys hat.
Sie können dadurch viel besser entspannen, und ihre Selbstwahrnehmung wird positiv beeinflusst. Außerdem stärkt es die Bindung zwischen den Eltern und ihrem Baby. Eine schwache Bindung ist häufig einer der Gründe, warum Eltern mit Schreibabys einfach nicht mehr weiterwissen. Tatsächlich kann eine schwache Bindung auch ein Grund dafür sein, dass ein Kind überhaupt erst zu einem Schreibaby wird.

Was können Eltern von der EEH erwarten?

Berühren und Berührtwerden sind eins. Daher lernen Eltern, wie sie ihre eigenen körperlichen Signale besser einschätzen können. Das geht allerdings weit über die Haut hinaus, oder besser: Es geht weit unter die Haut. Stellen wir uns eine typische Situation vor: Das Baby weint und weint und will sich einfach nicht beruhigen. Ist die aufkommende Enge in der Brust ein Warnsignal? Wann muss man einschreiten und Hilfe von außen annehmen? Wie geht man mit dem Stress um, der entsteht, wenn das Baby exzessiv schreit?
Die werdende Mutter wird ermutigt und dabei unterstützt, bereits in der Schwangerschaft eine liebevolle und innige Beziehung zum Baby aufzubauen. Sie erfährt auch, wie dies gerade durch Berührungen möglich ist.
Nach der Geburt kann die Emotionelle Erste Hilfe die junge Familie während der ersten anstrengenden und manchmal gar zermürbenden Wochen unterstützen. Durch die enge Begleitung der Eltern lassen sich eventuelle Krisen schnell erkennen und positiv beeinflussen. Meistens wird so schon sehr frühzeitig ein Ausweg gefunden.

Bei der EEH erlernen Eltern, wie sich die Beziehung zum Kind durch spezielle Berührungen intensivieren lässt. Hinzu kommen Übungen zur Körperwahrnehmung sowie entspannende Atemtechniken für akute Stresssituationen. Wer bereits vorher gelernt hat, mit solchen Situationen fertig zu werden, reagiert entspannter und wird gelassener. Dies schützt dann auch die Bindung zwischen Eltern und Kind.

 

Exkurs: Video – Bindungslosigkeit und die Folgen

Im folgenden Video beschreibt die Traumatherapeutin Dami Charf, wie wichtig frühkindliche Bindung und Empathie ist, um Traumata zu vermeiden, die bis weit ins Erwachsenenalter für Beeinträchtigungen sorgen können.

 

Emotionelle Erste Hilfe vor und nach der Geburt

schwanger Frau steht an einer Kinderwiege

Emotionelle Erste Hilfe setzt bereits in der Schwangerschaft an, sodass zum Zeitpunkt der Geburt bereits eine starke Bindung aufgebaut wurde und die Eltern für etwaige Krisenfälle gerüstet sind. So erlernt die Mutter beispielsweise, wie sie durch gezielte Bauchatmung eine Nähe zum noch ungeborenen Kind herstellen kann.

Liebevolle Begleitung während des Weinens

Ausgedehnte Schreiphasen des Babys sind mitunter schwer auszuhalten. Hier  unterstützt die EEH, indem sie Eltern Tools an die Hand gibt, um ihr Baby während des Schreiens liebevoll begleiten zu können, ohne den Draht zu ihm zu verlieren und ohne dass sich Wut oder Frust anstaut. In solchen Krisensituationen kommt es darauf an, dass die Selbstregulationskräfte des Babys und der Eltern angeregt werden. Mit der EEH lassen sich etwaige Körperspannungen der Eltern rechtzeitig abbauen, bevor sie sich auf das Baby übertragen.
Auch wenn das Baby nicht gleich aufhört zu weinen – es nimmt die subtilen Veränderungen durchaus wahr. Dies führt zu einem entspannteren Umfeld, stärkt die Bindung und macht Schreiattacken allmählich immer seltener. Außerdem versetzt es die Eltern in die Lage, solche akuten Situationen besser zu überstehen.

Wo kann man EEH in Anspruch nehmen?

Kurse in „Bindung durch Berührung“ und EEH-Beratungen findet ihr in ganz Deutschland. Häufig werden sowohl Kurse als auch einzelne Beratungssitzungen angeboten.

Die Seite http://emotionelle-erste-hilfe.org/content/emotionelle-erste-hilfe bietet Adressen und Kontaktpersonen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Im Übrigen haben auch viele Hebammen eine Fortbildung zur EEH-Fachberaterin absolviert.

Sollte es in eurer unmittelbaren Nähe keine EEH-Angebote geben, könnt ihr euch die Grundlagen auch mit einem Buch aneignen. Im Zweifelsfall ist es aber natürlich immer besser, sich die Techniken von einer ausgebildeten Person zeigen und erklären zu lassen.

Fazit

Fragt man Eltern, die am EEH-Programm teilgenommen haben, sind sie ganz mehrheitlich einer Meinung: Es hat ihnen sehr geholfen!
Die vielen Tipps, die im Rahmen eines solchen Programms vermittelt werden, geben den Teilnehmern Sicherheit, wenn es darauf ankommt. Außerdem sind die Techniken, mit denen sich das Baby beruhigen lässt, häufig sehr einfach zu erlernen.
Es lohnt sich also, wenn ihr euch etwas eingehender mit EEH befasst – am besten, bevor ihr an der Situation verzweifelt, völlig erschöpft seid und sowohl die Paarbeziehung als auch die Beziehung zu eurem Nachwuchs gefährdet ist. Natürlich berühren Eltern ihr Kind in den allermeisten Fällen instinktiv richtig. Doch es schadet nie, noch ein paar Kniffe dazuzulernen, auf die ihr ansonsten vielleicht nicht gekommen wärt. Und im Übrigen kann alleine die Tatsache, dass eine Person da ist, die eure Probleme kennt und auch versteht, die zugleich Sicherheit vermittelt, aber auch Ruhe in die meist angespannte Situation bringt, eine unschätzbare Entlastung für euch sein.

swing2sleep: Der Arm, der nicht ermüdet.
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Euer Team von swing2sleep
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