Was ist der Schreitreflex: Funktion & Aufgabe

 

Nach der Geburt findet bei deinem Baby die U1 und dann wenig später die U2 Untersuchung statt. Bei dieser Untersuchung werden schon einige Reflexe getestet, die ausschlaggebend dafür sind, ob dein Baby gesund ist. Spätestens bei der U3 testet der Kinderarzt oder die Kinderärztin bei deinem Baby dann den so genannten Schreitreflex. Doch was genau ist der Schreitreflex eigentlich? Wozu dient er, wann tritt er etwa in dem Leben deines Kindes auf und was ist, wenn er ausbleibt? All das und noch mehr findest du im folgendem Artikel. 

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Schreitreflex beim Baby: Nur einer von vielen Reflexen

Wenn Babys auf die Welt kommen, sind sie bereits mit einer ganzen Reihe an angeborenen Reflexen ausgestattet. Sie werden bei bestimmten Berührungen oder in bestimmten Situationen hervorgerufen und folgen unbewusst, ohne Beteiligung des Großhirns, einem angeborenen Muster. Das hat die Natur so eingerichtet, denn die Reflexe sichern das Überleben des Babys – und manche sind evolutionär betrachtet durchaus sinnvoll.

Ein Beispiel ist da der Moro-Reflex: Bei diesem „Klammerreflex“ streckt das Baby plötzlich und ruckartig Arme und Beine von sich und zieht sie dann wieder rasch an sich (Klammerhalterung). Häufig tritt er bei lauten Geräuschen oder plötzlichen Bewegungen auf. Der evolutionäre Grund dahinter: Man nimmt an, dass der Reflex dazu diente, dass sich ein Neugeborenes bei drohender Gefahr mit aller Kraft an die Mutter klammert, um Schutz zu suchen. 

Doch wie verhält es sich beim Schreitreflex? Was ist hier evolutionär betrachtet Funktion und Aufgabe?

Der Schreitreflex kurz erklärt

Der Schreitreflex ist ein frühkindlicher motorischer Reflex, der ausgelöst wird, wenn dein Baby unter den Achseln hochgehalten und in aufrechte Haltung gebracht wird. Wenn die Füße eine feste Unterlage spüren, scheint dein Baby einfach losmarschieren zu wollen. Die kleinen Beine machen eine schrittähnliche Bewegung.

Dabei bildet sich der Reflex bereits im frühen Stadium deiner Schwangerschaft aus. Bemerkbar macht er sich für dich ebenfalls während der Schwangerschaft, wenn dein Kleines durch gelegentliches Strampeln auf sich aufmerksam macht.

Der Reflex gehört zu den frühkindlichen Reflexen – das heißt, in der Regel baut er sich nach etwa zwei bis drei Lebensmonaten wieder ab. Kontrolliert wird der Schreitreflex daher meist bei der U3 bei deinem Kinderarzt oder deiner Kinderärztin. Also, zwischen der 4. und 6. Lebenswoche.

 

Was ist die Funktion vom Schreitreflex?

Aufgrund der Tatsache, dass der Schreitreflex so früh wieder im Leben deines Babys verschwindet, wird er nicht mit dem Erlernen eines aufrechten Gangs in Verbindung gebracht. Denn: Dein Kind lernt erst viel später in seinem Leben das Laufen auf zwei Beinen. Dabei handelt es sich um einen komplexen, multi-sensorisch gesteuerten und vor allem willentlichen Vorgang. Der Schreitreflex wiederum wird durch die bestimmte Haltung des Babys ausgelöst und ist ein körperlicher Reflex – gänzlich ohne Zutun deines Kleinen. Deswegen ist dieser Reflex auch reproduzierbar. Das bedeutet: Er unterliegt keinem Lernprozess, weswegen dem Schreitreflex keine bedeutende postnatale Funktion zugesprochen wird.

Expert:innen sind sich nicht gänzlich sicher, worin der Nutzen des frühkindlichen Reflexe im Allgemeinen und des Schreitreflex im Besonderen liegt. Vermutet wird, dass die Hauptbedeutung darin liegt, die Hirnreifung zu fördern und die Beinmuskulatur auszubilden. Deswegen macht sich der Schreitreflex auch bereits im Mutterleib bemerkbar, sobald dein Kleines mit der Fußsohle an die Wand der Gebärmutter stößt. Zudem wird vermutet, dass der Schreitreflex eine besondere Rolle bei der Einnahme der richtigen Geburtsposition spielt. Durch das reflektorische Strampeln kann dein Kleines die richtige Position – nämlich mit dem Köpfchen nach unten – im Bauch besser erreichen.

Was ist, wenn der Schreitreflex ausbleibt?

Wie bereits erwähnt, kontrolliert der Kinderarzt oder die Kinderärztin während der U3, ob der Schreitreflex vorliegt. Bleibt dieser aus, besteht aber kein Grund zur Sorge: Da der Reflex für die postnatale Phase kaum von Bedeutung ist, gibt es kaum eine Bedrohung für das Neugeborene, sollte es bei aufrechter Haltung nicht anfangen zu schreiten. Wohl aber solltet ihr abklären, warum dieser Reflex nicht eintritt oder nur schwach ausgeprägt ist.

Gründe für ein Ausbleiben des Schreitreflexes können sein:

  • Fehlentwicklungen im Bereich der Bein- und Hüftmuskulatur oder der Funktionsfähigkeit der Gelenke. Hier hilft ein Ultraschall bei einem Spezialisten oder einer Spezialistin, damit beispielsweise ein Hüftdysplasie ausgeschlossen werden kann
  • Fehlentwicklungen im Zentralnervensystem oder im peripheren Nervensystem

Aber noch einmal: Es ist kaum besorgniserregend, wenn dein Baby nur einen schwach ausgebildeten Schreitreflex vorweist. Meist checkt die Kinderärztin oder der Kinderarzt dann andere motorische oder nicht-motorische Reflexe, um eine Differentialdiagnose stellen zu können – und dir im Zweifel zu weiterführenden Untersuchungen zu raten.

Was ist, wenn der Schreitreflex nicht verschwindet

Gravierende Auswirkungen kann es haben, wenn der Schreitreflex nicht abgebaut wird und weit über den natürlichen Zeitpunkt der zwei bis drei Lebensmonate bestehen bleibt. Denn: Bleibt ein Reflex erhalten, behindert das meist den Übergang zur bewussten Steuerung motorischer Abläufe; beispielsweise den Übergang zum Krabbeln und später zum aufrechten Gehen. Die reflexartigen Beinbewegungen stören den Lernprozess des Kindes zum Gang. 

Expert:innen vermuten einen Zusammenhang zwischen dem mangelhaften Abbau von frühkindlichen Reflexen mit Lern- und Sprachstörungen sowie auffälligem Verhalten wie ADHS. Das muss aber nicht unbedingt sein. Wichtig ist nur, dass du die Kinderärztin oder den Kinderarzt aufsuchst und es abklären lässt, solltest du den Schreitreflex auch noch nach 4. oder 5. Lebensmonaten bei deinem Baby beobachten. Sollte dein Kleines zu früh auf die Welt gekommen sein, muss das ebenfalls berücksichtigt werden. Bei Frühgeborenen verschwindet der Schreitreflex meist noch ein wenig später. 

Schreitreflex: Ein kleines Fazit

Kurzum: Eine besonders große Bedeutung hat der Schreitreflex im Leben deines Kindes nicht. Es handelt sich um einen frühkindlichen Reflex, der bereits bei deinem Kleinen auftreten kann, wenn es noch im Bauch ist. Vermutlich dient er deinem Baby dazu, sich in die richtige Geburtsposition zu bringen. Noch in den ersten Lebensmonaten verschwindet der Schreitreflex in der Regel, da er keine größere Funktion bei der weiteren Entwicklung hat. 

Sollte der Schreitreflex auch noch im 4. oder 5. Lebensmonat bei deinem Baby auftreten, brauchst du dir erst einmal keine Sorgen machen. Sinnvoll ist es aber, dies mit dem Arzt oder der Ärztin abzuklären. 

Reflexe, die ab der Geburt bestehen, können also doch sehr nützlich sein. Denken wir an den Zungenstreckreflex, der dir zeigt, wann dein Baby bereit für Beikost ist. Doch auch wenn wir nicht genau erklären können, warum es den Schreitreflex gibt, hat die Evolution sich sicher etwas dabei gedacht.