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Helikoptereltern – mal ehrlich: gehört ihr dazu?

Maik Schwede

Helikoptereltern - Ein Phänomen der heutigen Zeit?

Erstaunlich, dass so viele Eltern Angst haben, ihr Kind zu verwöhnen, wenn es gerade mal geboren ist. Da wird sich schnell gefragt, ob es für das Kind überhaupt gut ist, es ständig umherzutragen oder ob es damit möglicherweise jetzt schon verwöhnt wird? Und ob man, wenn es schreit, sofort nach ihm schauen darf oder ob es auch bei diesem elterlichen Verhalten gleich lernt, dass es, wenn es schreit, alles bekommt, was es will? 

Später dann aber verschwenden genau diese Eltern keinerlei Gedanken daran, ob sie ihren Nachwuchs verwöhnen. Sie sorgen sich permanent, wollen immer das Beste für das Kind und kontrollieren jeden Schritt und Tritt. Die Rede ist von Helikoptereltern, eindeutig ein Phänomen der heutigen Zeit.  

Viele Fachleute sehen dieser Entwicklung mit Sorge entgegen. Helikoptereltern lassen ihre Kinder nicht „alleine“ groß werden, sondern umkreisen sie permanent – stetige Kontrolle ist das Zauberwort. Daher auch der Name Helikopter. Sie mutieren auch schnell mal zum Transporthubschrauber, der das Kind immer sicher von A nach B transportiert. Schließlich ist es dem Kind einfach nicht zuzumuten, die paar hundert Meter alleine zum Kindergarten/ zur Schule / zum Sportverein zu gehen. Warum eigentlich nicht? Wie soll es bloß jemals lernen, sich im Straßenverkehr sicher zu bewegen, wenn es diesen nur von innen aus dem Auto heraus kennt? Was war das früher schön, als wir in die Schule nach Hause gingen und dabei Freundschaften knüpften, Pläne schmiedeten für den Nachmittag, über Lehrer schimpften… all das bleibt den Kindern heute verwehrt. Dabei ist ab einem gewissen Alter jedes Kind in der Lage, alleine in die Schule zu laufen oder öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Wenn sich mehrere Kinder aus dem Viertel zusammenschließen, ist die daraus resultierende Gefahr nun wirklich überschaubar gering.  

Es gibt aber noch eine weitere Art von Hubschraubereltern: die so genannten Rettungshubschrauber. Sie möchten ihr Kind vor jedem Unheil bewahren – zugegeben, wer will das nicht? Aber nur aus Schaden wird man klug. Wenn das Kind zum x-ten Mal den Turnbeutel vergessen hat, bekommt es halt dieses Mal vom Lehrer einen Anpfiff. Garantiert ist das lehrreicher, als wenn Mama ihn zum wiederholten Male mit dem Auto hinterherkarrt.

Helikoptereltern - Überbehütete Kindheit 

Aus der Angst um Kleinkinder hat sich mittlerweile eine ganze Sicherheitsindustrie entwickelt, doch wo hört gesunde Vorsicht auf und wo fängt Überbehütung an?

Deutschlandweit gibt es immer weniger Kinder, dafür aber immer mehr Ratgeber über die Kindererziehung. Damals tobten Kinder auf der Straße, im Zeitalter von Smartphone, Tablet und Co. verbringen sie aber immer weniger Zeit mit Bewegung an der frischen Luft - fürchten Eltern zu recht um die motorischen und kommunikativen Fähigkeiten ihres Nachwuchses? 

Helikopter Eltern in der Schule 

Teilweise führt das Helikoptereltern-Dasein sogar so weit, dass sie sich bei Lehrern oder bei Elternabenden über alles und jeden beschweren. Früher, das können viele Lehrer bestätigen, waren die Schüler daran schuld, wenn sie schlechte Noten nach Hause brachten. Heute sind es – zumindest nach Auffassung von Helikopter Eltern - natürlich die Lehrer. Wer auch sonst? Sicherlich gibt es die eine oder andere ungerechte Note, aber man sollte einfach die Kirche im Dorf lassen und die Fehler nicht immer ausschließlich woanders suchen. Nicht selten wird da gleich ans Ministerium geschrieben, wenn der Nachwuchs mal nur eine Drei im Diktat heimbringt 

Warum machen Eltern so etwas? 

Immerhin tritt dieses Phänomen der Überbehütung bei bis zu 20% aller Eltern auf. Besonders häufig ist dies übrigens bei Einzelkindern der Fall. Der Grund ist so einfach wie naheliegend: Die Eltern haben Angst um ihr Wertvollstes, nämlich um ihr Kind.  

Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, warum es ausgerechnet heute viel mehr Helikoptereltern gibt als früher. Heutzutage arbeiten die Eltern recht schnell wieder. Dass sie ihr Kind dann besonders behüten, könnte daran liegen, dass sie damit ihre Abwesenheit wieder kompensieren wollen. Wenn sie tagsüber nicht da sind, überschütten sie abends ihr Kind förmlich mit Liebe und Fürsorglichkeit, wenn sie zurückkehren von der Arbeit 

Außerdem werden Kinder heute ganz anders geplant als noch vor 50 Jahren. Damals kam das Kind einfach irgendwann, wenn man geheiratet hatte. Heutzutage hingegen wird das Thema Nachwuchs bekommen geradezu minutiös geplant. Ist es dann - nach der Verwirklichung der Karriere - endlich so weit, muss alles, wirklich alles zu 100% funktionieren. Und genau das geht in der Regel nur durch maximale Kontrolle 

Die Konsequenzen daraus 

Natürlich hat dieses Verhalten auch Folgen. Mitunter sogar fatale: Eltern, die ihr Kind überbehüten, schließen sich zusammen und üben eine gewisse Kontrolle, beispielsweise auf das Schulsystem, aus. Es kommt teilweise dazu, dass sie sich sogar zu regelechten Inquisitionsveranstaltungen zusammentun. Spinnt man diesen Gedanken weiter, dann hätte dies auch irgendwann eine Auswirkung auf unsere Gesellschaft. Kinder, die permanent gedrillt, verwöhnt, von allem verschont und kontrolliert werden, sind möglicherweise nicht in der Lage, demokratisch denkende Erwachsene zu werden.  

Das Selbstbewusstsein 

Und natürlich hat so ein elterliches Verhalten auch für das Kind selber Konsequenzen: Wie mag es sich anfühlen, wenn man auf Schritt und Tritt von den Eltern kontrolliert und begleitet wird? Irgendwann muss wohl in jedem überbehüteten Kind der Verdacht keimen, dass seine Eltern ihm all das nicht selber zutrauen. Das hat Folgen: Zum einen wird dadurch ganz bestimmt nicht das Selbstbewusstsein des Kindes gestärkt werden, ganz im Gegenteil. Das Kind zieht immer wieder den SchlussMama und Papa trauen mir das nicht zu. Ich kann das noch nicht alleine. Es wird also nicht lernen, sich etwas zu trauen.  

Selbständigkeit? Weit gefehlt 

Außerdem wird das dazu führen, dass sich Kinder gerne von vorne bis hinten bedienen lassen. Sie geben die Verantwortung an andere ab, werden faul, träge, lust- und einfallslosSie sind es einfach gewohnt, dass gewisse Arbeiten jemand anders für sie übernimmt – ihre Eltern zum Beispiel. Ist dies mal nicht der Fall, werden sie es lautstark einfordern. Dass es im Leben aber nicht immer so weitergehen kann, ist auch klar. Irgendwann also kommt er ganz sicher, der Sprung ins kalte Wasser, an dem jedes Kind lernen und verstehen muss, dass Mama und Papa jetzt auch nichts mehr ausrichten könnensondern dass es von nun an auf sich alleine gestellt ist. Bei vielen ist das erst  - wenn überhaupt – in der Universität der Fall. Und das ist reichlich spät. Kommt das Erwachen noch später, könnte es beim Berufseinstieg ernste Probleme geben. Denn: Will die Mama etwa auch noch zum Bewerbungsgespch mitgehen? Wohl kaum.  

Verinselung der Kinder 

Soziologen sprechen hierbei sogar von einer so genannten „Verinselung“. Früher durften Kinder auf der Straße oder im Kinderzimmer zusammen spielen - ohne Eltern, versteht sich. Heutzutage hingegen wird das Kind von A nach B gebracht und ist dabei immer in Begleitung seiner Eltern – sogar auf dem Spielplatz. Mama und Papa sind die Privatanimateure der Kinder, die für ihr Glück und ihre Unterhaltung zuständig sind. Einfach mal Kind sein, ohne dass die Eltern dabei sind oder irgendetwas vorgeben, das findet nur noch selten statt.  

Fotocollage von spielenden Kindern

Aus Fehlern wird man klug 

So heißt es doch so schön oder? Helikopter Eltern nehmen ihren Kindern diese Erfahrung aber, weil sie von vornherein versuchen, ihr Kind daran zu hindern, einen Fehler zu machen. Damit rauben sie ihm auch die MöglichkeitErfolgserlebnisse zu haben. Kinder müssen aber dann und wann eigene Erfahrungen machen und zwar sowohl positive als auch negative. Denn genau das ist lehrreich und wichtig für das folgende Leben.  

Woran erkennen Eltern, dass sie Helikoptereltern sind? 

Du willst wissen, ob das auf dich auch zutrifft? So einfach ist das gar nicht festzustellen, wenn man selber davon betroffen ist. Denn natürlich wollen alle Eltern für ihr Kind nur das Beste – deswegen sind aber nicht alle Eltern Helikoptereltern. Eine gesunde Mischung sollte es sein aus laissez faire und Kontrolle – und genau hier kann es ganz schön schwierig sein, die goldene Mitte zu finden 

Wenn du zum Beispiel feststellstdass du deinem Kleinkind bei jedem Schritt hinterherläufst, um es vor einem eventuellen Sturz zu bewahren, wenn du mit ihm auf dem Spielplatz im Sand spielst, obwohl es dort genug andere Kinder gibt – das könnte schon ein Anzeichen dafür sein.  

Ein weiteres Zeichen: Helikoptereltern bringen sich überdurchschnittlich in der Schule ein, sie kennen jeden Namen der Lehrer, wissen ganz genau, was in welchem Fach unterrichtet wird und haben die volle Kontrolle über Hausaufgaben und derzeitigen Unterrichtsstoff. Sie schließen mit den Lehrern Freundschaft und sind überdurchschnittlich oft bei schulischen Veranstaltungen, Ausflügen etc. präsent. Und natürlich nehmen sie es persönlich, wenn eine Note oder eine Bewertung in der Schule mal nicht ganz perfekt ist.  

Und genau dieses Phänomen tritt auch im privaten Bereich auf. Heilkoptereltern begleiten ihren Nachwuchs zu jedem Training, zu jedem Wettkampf, so dass es nie die Chance hat, auch einmal einen Weg oder einem Hobby alleine nachzugehen.  

Außerdem neigen Helikoptereltern dazu, nicht nur ihren eigenen Tagesablauf, sondern auch den ihrer Kinder bis ins kleinste Detail zu planen und zu organisieren – damit der Nachwuchs perfekt gefördert wird und damit ihm nicht womöglich langweilig wird. Kommt dir das bekannt vor? 

Wie viel Überwachen ist nötig? 

Das ist verständlicherweise die Frage, die wohl alle Eltern sich stellen. Denn selbstverständlich darf man kleine Kinder auch nicht völlig sich selbst überlassen. Sie sehen schlimme Gefahren nicht und brauchen die Aufsicht ihrer Eltern – aber nicht immer. Und auch nicht das permanente Spielangebot, das manche Eltern ihnen bieten.  

Kinder brauchen zum einen Fürsorge, Schutz und Kontrolle, zum anderen aber auch die Möglichkeit, sich zu entwickeln und selbständiger zu werdenWenn auch in kleinen Schritten 

Wie das genau aussehen kann, ist individuell unterschiedlich. Das eine Kind will vielleicht mit 5 schon alleine in den Kindergarten gehen, der nur um die Ecke ist. Warum auch nichtVielleicht kann man sich ja mit anderen Eltern zusammenschließen. Das andere Kind ist mit 6 schon in der Lage, mit einem Freund alleine auf einem Spielplatz zu spielen, der ganz in der Nähe ist und dessen Mutter auf Abruf in der Wohnung ist und es wieder abholen kann. Das nächste Kind traut sich mit 10 schon zu, eine Stunde alleine zuhause zu bleiben. Na also - umso besser! Wenn Kinder diese Selbständigkeit zeigen und wünschen, dann sollten Eltern das unterstützen und nicht abblocken, wenn irgend möglich. 

Natürlich kostet es etwas Überwindung, Kinder alleine durch die Gegend laufen zu lassen. Dennoch können wir vielleicht lernen, etwas weniger Angst zu haben? Kindern mehr zuzutrauen und ihnen mehr Freiraum zu geben? So, dass sie, wie wir früher, eine freie und unbeschwerte Kindheit erleben können 

Fazit: 

Zusammenfassend kann man also nur sagen, dass Eltern sich grundsätzlich an das Sprichwort „sind die Kinder klein, gib ihnen Wurzeln, sind sie groß, gib ihnen Flügel“ halten sollten. Babys dürfen das erste Lebensjahr gerne ausgiebig verwöhnt und behütet und beschützt werden – das geht ja auch gar nicht anders, schließlich sind sie zu 100% auf Mamas und Papas Untersetzung angewiesen und brauchen Liebe und Hautkontakt ohne Grenzen. Später dann dürfen Eltern auch ruhig mal ein wenig lockerer werden und die Kinder in ihrer Selbstständigkeit fördern. Manchmal hilft auch ein Gedanke an unsere eigenen Kindheit zurück: Wie war es denn eigentlich bei uns früher? Wurden wir genauso bemuttert? Wohl eher nicht. Hat es uns geschadet? Vermutlich ebenfalls nicht. Und auch das Argument, dass früher alles anders, besser und weniger gefährlich war, ist so nicht haltbar. Denn auch früher gab es überall Gefahren – man war sich vielleicht nicht so darüber bewusst wie heute. Richtig, heute gibt es viel mehr Autoverkehr als früher, dennoch bezieht sich die Sorge und die Überwachung von Helikpoptereltern nicht ausschließlich auf den gefährlichen Verkehr, sondern einfach auf alles. 

Also: Es gibt zwar Schlimmeres, als Helikoptereltern zu sein, vielleicht ist es aber angebracht, ihr denkt mal darüber nach und passt euren Erziehungsstil eventuell ein bisschen an.

Wichtig ist nicht, dass ihr das Glück für eure Kinder findet, sondern dass ihr es euren Kindern überlasst, wie sie selber ihr eigenes Glück finden. Dabei solltet ihr wenn überhaupt nur ein klitzekleines bisschen nachhelfen.  

"Sind die Kinder klein, gib ihnen Wurzeln, sind sie groß, gib ihnen Flügel“

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