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Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten

Maik Schwede

Gefühlsstarke Kinder  - wilder, lauter, sensibler 

Viele Eltern kennen das nur zu gut: Wenn es mal nicht exakt nach der Nase des Kindes läuft, ist das Gezeter riesengroß. Es kann schon ausreichen, dass ihr eurem Sprössling den Schuh zubindet, obwohl er das doch selber machen wollte oder das Brot einfach an der falschen Stelle durchschneidet. Und dann gibt es nicht nur Protest, nein, es gibt regelrecht Geschrei 

Ein umgeschüttetes Saftglas kann zur völligen Eskalation führen, ist die Mütze kratzig, artet das Ganze möglicherweise in ein echtes Drama aus. Was ist los mit diesen Kindern?  

Ist so ein Verhalten noch „normal“? 

Ist das Kind vielleicht „anders“? 

Wenn Eltern an ihren Kindern solche Verhaltensweisen beobachten, bekommen sie oft gesagt, dass das doch ganz normal seiKinder in der Trotzphase protestieren eben, wenn ihnen etwas nicht passt. Und dass das schon mal ganz schön anstrengend werden kann, ist einleuchtend. Aber – in dem Ausmaß? 

Viele der oben genannten Szenen kennen wohl alle Eltern. Die Frage ist eben nur, wie oft und in welchem Umfang diese vorkommen. Wenn so etwas zum Dauerzustand wird und nicht mehr die Ausnahme bleibt, spricht man von einem so genannten „gefühlsstarken“ Kind.  

Was ist das – ein gefühlsstarkes Kind? 

Eltern fragen sich zu Recht, warum ihr Kind anders ist als andere Kinder. Oder ob möglicherweise mit ihm etwas nicht „stimmt“. Und tatsächlich: Kinder, die gefühlsstark sind, sind „anders“. Schon als Baby ist es nämlich häufig der Fall, dass sie nicht einfach leise weinen, sondern lautstark protestieren und das einfordernwas ihnen zugestehtLäuft etwas nicht nach ihren Vorstellungen, ist die Laune im Keller. Für betroffene Eltern ganz schön anstrengend. Man geht mittlerweile davon aus, dass jedes siebte Kind einen Hang dazu hat, gefühlsstark zu sein. 

Ein amerikanischer Forscher fand heraus, dass bei den betroffeneKindern die Amygdala, die Alarmanlage im Hirn, ganz besonders empfindlich und ausgeprägt ist. Bereits bei geringem Stress schaltet deren Gehirn auf Alarmstufe rot und damit sozusagen in den Notfallmodus. Ein kaputter Reißverschluss kann dazu also schon ausreichen. Dabei dauert der Wutanfall dann nicht nur ein paar Minutensondern viel eher ein paar Stunden.  

Kind sitzt auf dem Stuhl und hält ein Kuscheltier Mutter richtet die Haare

In jedem Fall tut es gut zu wissen, zum einen nicht alleine mit diesem „Problem“ zu sein, und zum anderen, dass das Kind einen Namen hat. Denn gefühlsstark hört sich schließlich allemal besser an als tyrannisch - oder? Nicht selten werden solche Kinder sogar mit unschönen Namen wie kleines Monster, Zimtzicke oder ähnlichem betitelt 

Woran erkennt man gefühlsstarke Kinder? 

Gefühlsstarke Kinder erleben und äußern ihre Gefühle intensiv. Dabei kann es sein, dass sie unversehens von einem Extrem ins nächste geraten. Das bedeutet auch, dass sie besonders sensibel sind und es schnell zu einer Reizüberflutung kommt. Geht es darum, etwas durchzusetzen, können sie dabei sehr hartnäckig und ausdauernd auftreten. Viele Kinder hängen sehr an gewohnten Ritualen und haben Probleme, davon abzuweichen. Veränderungen und Neuerungen können sie oftmals nur schwer annehmen. Ihre Energie und ihr Bewegungsdrang sind schier unendlich, was bedeutet, dass sie häufig mit weniger Schlaf auskommen als ihre Altersgenossen. Hinzu kommt, dass sie oftmals grüblerischer sind und sich über gravierende Themen mehr Gedanken machen als Gleichaltrige 

In vielen Dingen entwickeln sie sich schneller. Als Babys drehen sie sich früh und laufen durchschnittlich früher als andere Kinder. Das liegt daran, dass sie einen eisernen Willen und eine extreme Zielstrebigkeit an den Tag legen. 

Alles, was sie erleben, erleben sie viel intensiver: Musik ist nicht laut, sie sorgt dafür, dass der Kopf schier platzt. Haare waschen nervt nicht nur, es ist unerträglich. Der Stich einer Biene ist nicht nur unangenehm, er schmerzt so, dass es nicht auszuhalten ist. Und so weiter. Schuld an genau diesen Reaktionen ist wiederum der nur schwach ausgeprägte Selbstberuhigungsnerv 

Ihre Bedürfnisse scheinen nie zu enden, was für Eltern unglaublich schwierig und ein echter Energieräuber sein kann.  

Die positiven Eigenschaften gefühlsstarker Kinder 

Dabei zeigen diese Kinder natürlich nicht nur negative Seiten. All das kann auch aus einem anderen, positiven Aspekt heraus betrachtet werden. Gefühlsstarke Kinder sind zwar für ihre Mitmenschen anstrengend, sie sind dafür aber auch ausgesprochen kreativ und fantasievoll. Und sie sind anders – es kann durchaus sein, dass sie später mal aus den gesellschaftlichen Normen ausbrechen und das durchaus auch im positiven Sinn. Schließlich muss nicht jeder Mensch völlig angepasst leben. Gefühlsstarke Kinder hinterfragen Regeln und Normen und gelten deswegen oftmals im Erwachsenenalter als kleine Revoluzzer.  

Außerdem kann eine gewisse Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit ja auch etwas sehr Positives sein wenn es darum geht, etwas zu erreichen oder durchzusetzen. Egal, was diese Kinder sich vornehmen: Sie lassen sich durch nichts und niemanden davon abbringen. Dies kann durchaus in der Zukunft gravierende Folgen haben und genau betrachtetist es sogar eine echte Gabe.  

Was können Eltern tun? 

Immerhin ist es eine gute Nachricht, dass gefühlsstarke Kinder innovativ sind und ihre eigenen Vorstellungen haben. Für betroffene Eltern aber ist es vor allem eins: unglaublich anstrengend 

So oder so ist es aber für die Eltern entlastend, wenn sie wissen, dass sie nicht an der misslichen Lage schuld sind. Im Gegenteil. Wenn man weiß, was Sache ist, kann man sich damit auch besser arrangieren und sich besser in das Kind hineinversetzen. Und siehe da: Viele Eltern stellen bei einer Selbstreflektion fest, dass sie selber früher ebenfalls ein gefühlsstarkes Kind waren.  

Tipps, wie man mit einem gefühlsstarken Kind umgehen kann, gibt es tatsächlich, diese sind allerdings recht simpel: Wenn es soweit ist, Ruhe bewahren, auf 10 zählen und versuchen, sich nicht stressen zu lassen. In besonders kritischen Phasen für Ausgleich sorgen. Verschiedene Entspannungstherapien können dabei helfen.  

Außerdem wichtig: Wenn Eltern genau wissen, was einen Wutanfall nach sich zieht, dann sollten sie versuchen, solche Situationen von vorneherein zu umschiffen. Manchmal ist das möglich, manchmal nicht. Hier ist ein bisschen Kreativität gefragt.  

Mit Zwang erreicht ihr bei einem gefühlsstarken Kind übrigens rein gar nichts 

Ebenfalls gut zu wissen: Eltern mit gefühlsstarken Kindern haben nichts falsch gemacht und sind keine schlechten Eltern. Sie brauchen nur möglicherweise ein etwas besseres Nervenkostüm als andere Eltern.  

Auch hier gilt: Grenzen setzen!  

Dennoch sollte man sich vor Augen halten, dass auch gefühlsstarke Kinder keinen Freibrief dafür haben, um sich schlecht zu benehmen. Wenn Eltern ihnen alles durchgehen lassen vor lauter Rücksichtnahme, wäre das sicherlich das falsche Signal. Denn natürlich müssen auch gefühlsstrakle Kinder lernen, sich an gewisse gesellschaftliche Normen zu haltenDas allerdings ist eine Gratwanderung – ihr müsst einerseits eurem Kind zeigen, dass ihr es liebt, egal, wie es sich benimmt, andererseits aber auch, dass es sich nicht einfach immer so benehmen kann wie es will. Dies setzt eine sehr achtsame, wertschätzende, aber auch Grenzen setzende Erziehung voraus.  

Gerade diese sensiblen Kinder brauchen feste Grenzen und eine enge emotionale Begleitung durch ihre Eltern – auch wenn es manchmal schwer fallen mag.  

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Quelle: „So viel Freude, so viel Wut“ von Nora Imlau 


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