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Frühförderung für Kleinkinder - Fördern, Fordern, Überfordern

Maik Schwede

Je früher und je mehr, desto besser – so ist die Meinung vieler Eltern, wenn es um die Frühförderung ihres Nachwuchses geht. Schließlich will man ihnen für das spätere Leben die bestmöglichen Bedingungen mit auf den Weg geben. Oder? Ja und nein. Denn zwischen Fördern und Überfordern ist es ein schmaler Grat.  

Es ist für Eltern allerdings ganz schön schwierig, die Grenze zwischen Fördern und Überfordern zu ziehen. Wohl alle Eltern wünschen, dass sie ihrem Nachwuchs das Beste mit auf den Weg geben und scheuen sich deshalb nicht, ihren Sprössling schon frühestmöglich zur Klavierstunde, zum Ballett oder gar zum Eiskunstlauf, Fußball oder beim Englischkurs anzumelden ider Meinung, sie tun ihm etwas Gutes damit und ebnen ihm den Weg in die Zukunft.  

Nur: Kann das gut gehen? Ist Frühförderung wirklich so wichtig? Eltern, die ihre Kinder schon früh fördern, wollen in der Regel einfach nur das Beste für ihr Kind. Doch der Schuss kann ziemlich nach hinten losgehen 

Freiraum zum Trödeln, Träumen, Spielen 

Was viele Eltern dabei leider ganz außer Acht lassen: Kinder brauchen unbedingt neben den ganzen Förder-Kursen und Terminen auch Zeiträume, in denen sie frei spielen können; Zeiten, in denen sie nicht verplant sind und sich vielleicht sogar langweilen. Zu einer unbeschwerten Kindheit gehört es nämlich unbedingt auch dazu, dass Kinder toben, spielen und träumen könnensich mit dem Freund verabreden, auf den sie gerade Lust haben und nicht jede Minute von den Eltern verplant wird. Genau dies ist nämlich meistens der Fall. Die lieben Kleinen haben schon Terminkalender wie ein Manager. Dass da kein Freiraum für individuelles Spielen bleibt, liegt auf der Hand – und es ist ausgesprochen schade 

Kleinkind sitzt vor dem Tisch auf einem Stuhl

Denn Leistungsstress macht Kinder krank. Wer montags zum Reitunterrichtdienstags zum Klavierunterricht,
mittwochs zur Sprachförderung und am Wochenende zum Wettbewerb gekarrt wird, zwischendurch auch noch für die Schule lernen muss, gerät schnell in die Spirale des Leistungsdrucks. Schnell kommen Aggressionen, Lernausfälle, Kopf- und Bauchschmerzen, manchmal auch Schlafprobleme hinzu. 
 

Welches sind die Warnsignale? 

Nicht immer äußern sich Kinder direkt, wenn es ihnen zu viel wird. Sie wollen vielmehr ihre Eltern nicht enttäuschen und machen sozusagen gute Miene zum bösen Spiel. Deswegen sollten Eltern ganz genau hinschauen und hinhören, ob es Signale zu erkennen gibt, an den ihnen ihr Kind zeigt: Eigentlich ist mir das alles zu viel. Gerade die oben genannten Symptome können darauf hinweisen, dass Kinder sich überfordert fühlen und dies sollte dann unbedingt ernst genommen werden 

Wie kommt es überhaupt dazu, dass Eltern ihre Kinder 

immer wieder überfordern? 

Das liegt ganz klar daran, dass wir heutzutage in einer Zeit des Perfektionismus leben. Genauer gesagt ist dies das gesteigerte Streben nach Vollkommenheit, welches auch bei der Erziehung der Kinder eine große Rolle spielt. Und oftmals fängt das ja schon beim Baby an. Welches schläft schon durch? Welches kann schon krabbeln, brabbeln, laufen? Viele Eltern versuchen - leider - ihre Kinder auf Perfektion zu drillen, vielleicht, weil sie der Meinung sind, dass diese nur so in der Lage ren, den späteren Alltag, der auf sie zukommt, zu meistern. Den hohen Anforderungen, denen sie sich später stellen müssen, auch gerecht zu werden. Nur: Perfektionismus ist alles andere als kindgerecht. Kleine Kinder sind numal keine Perfektionisten, ganz im Gegenteil. Diese Kinder leiden ständig unter einem hohen Druck und unter permanenter Anspannung. Sie können sich nicht frei fallen lassen, weil sie immer das nagende Gefühl haben, sie müssten etwas noch besser machen, vor allem, um ihren Eltern zu gefallen. Was für eine Last das auf dem Rücken unserer Kinder sein muss!  

Eltern sollten ihre Kinder vielmehr bedingungslos lieben – ganz egal, welche Leistungen sie in der Schule oder im privaten Bereich erbringen.  

Kinder buhlen immer bei ihren Eltern um Anerkennung. Das ist ganz normal. Umso schlimmer also, wenn sie das Gefühl haben, sie bekommen diese Anerkennung nicht ausreichend oder nur in Verbindung mit erbrachten Leistungen. 

Das Ziel sollte also nicht sein, alles schleifen zu lassenschlampig und unverantwortliczu sein, sondern ein gesunder Mittelweg irgendwo dazwischen. Viel wichtiger wäre es, das Selbstwertgefühl des Kindes zu steigern und ihm zu vermitteln: „Ich bin gut, so wie ich bin, auch mit einer Drei in Mathe und auch dann, wenn ich nur ein mittelmäßiger Fußballspieler oder Klavierspieler bin“. Schwächen zu akzeptierendas ist eine ganz wichtige Erfahrung, die unseren Nachwuchs auch im späteren Leben voranbringt. Fehlerfrei ist keiner, also müssen Fehler grundsätzlich auch erlaubt sein.  

Leistungsanforderungen 

Ein weiterer Faktor, der hinzukommt: die Leistungsanforderungen, die auf unsere Kinder in ihrem späteren schulischen Weg zukommen, nehmen permanent zu. Das setzt Eltern verständlicherweise unter Zugzwang. Vielen von ihnen standen die Bildungsangebote, die es heute gibt, als Kinder selber nicht zur Verfügung und wollen sie gerade deswegen ihrem
Kind ermöglichen.

Je besser und ausgesuchter die Kinderkrippe, desto besser sind Bildungschancen. Das verleitet natürlich dazu, unter dem großen Angebot die beste Krippe für den Sprössling herauszusuchen. Und genau das scheint sich sogar zu bewahrheiten: der Besuch einer guten Kinderkrippe ermöglicht dem Kind tatsächlich einen besseren Start ins Schulleben und eine erfolgreiche schulische Karriere 

Kann man Überförderung definieren? 

Man kann es zumindest versuchen: Eine Überforderung droht dann, wenn Eltern es versuchen, ihrem Kind Fähigkeiten aufzudngen, die es nicht braucht oder nicht haben will bzw. für die es noch nicht bereit ist. Alles zu seiner Zeit. Denn die Kinder machen dabei eine negative Lernerfahrung, was eher noch das Gegenteil bewirkt von dem ursprünglich gewünschten. In der Schule kann das schnell in einer Null-Bock-Haltung müdenKinder unter Druck zu setzen, kann sich also genau ins Gegenteil umkehren 

Die Lösung: gar nicht fördern? 

Natürlich sollten Eltern ihre Kinder generell fördern – sie überhaupt nicht mehr zu fördern, wäre sicherlich der komplett falsche Weg. Außerdem sollten Kinder immer auch ein Stück weit zu Leistung motiviert werden. Aber eben in einem bestimmten Rahmen. Sollte das Kind einmal ein gesetztes Ziel nicht erreichen, muss es von den Eltern zu spüren bekommen, dass es deswegen noch längst kein Versager istKinder dürfen weder das Gefühl bekommen, dass sie ein schlechter Mensch sind, weil sie in Mathe eine fünf geschrieben haben, noch, dass ihre Eltern sie nicht mehr lieb haben, weil sie am Sportturnier nicht die gewünschte Leistung erzielt haben.  

Es ist vor allem ausgesprochen wichtig, dass Kinder sich mal langweilen und Zeit haben, genau das zu tun, was sie wollen: sich mit dem Freund verabreden, Lesen, Musik hören, was auch immer. Und das geht nur dann, wenn ihm auch genügend Freiräume zugestanden werden.  

Beachtet werden sollten drei grundlegende Dinge: Kinder wollen sich geborgen fühlen, sie brauchen Erfahrungsmöglichkeiten, die ihren Bedürfnissen entsprechen und sie müssen die Möglichkeit haben, mit anderen Kindern zu spielen. Dazu ist nicht unbedingt ein spezieller Kurs notwendig 

Eltern sollten also versuchen, die goldene Mitte zu finden: einerseits den Ehrgeiz des Kindes zu wecken, dies aber andererseits so zu tun, ohne Druck aufzubauen. Und das ist zugegebenermaßen ganz schön schwierigAußerdem sollten sie ihrem Kind zuhören und es respektieren, wenn es auf etwas absolut keine Lust hat. Zudem dürfen Eltern ihrem Kinauch gerne etwas zutrauen. Viele wissen nämlich selber ganz genau, was gut für sie ist und was nicht 

Und wie heißt es so schön? Man kann am Grashalm ziehen so viel man will - schneller wächst er deswegen trotzdem nicht.  

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