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Doku "Elternschule" nomeniert für den Grimmepreis - Kein Preis für Gewalt!

Maik Schwede

Nominierung für Grimmepreis löst zurecht erneutes Entsetzen aus

Vielleicht hast du es ja mitbekommen, vielleicht hast du aber auch noch nie was davon gehört – es geht um den Film „Elternschule“, der bereits Ende 2018 ausgestrahlt wurde. Er sorgt schon lange im Netz für ziemliche Furore. Petitionen wurden gestartet, um die Ausstrahlung dieser Dokumentation zu verhindern. Jetzt ist diese besagte Doku für den Grimmepreis nominiert.

Vermutlich stand kein deutschsprachiger Dokumentarfilm in den letzten Jahren so sehr im Kreuzfeuer der Kritik wie die Elternschule. Pädagogen und Psychologen sind regelrecht entsetzt, dass derlei Methoden heute noch angewendet werden und dass dieser Film dies auch noch kritiklos dokumentiert. Aber es kommt noch schlimmer: genau dieser Film wurde jetzt erst für den Grimme Preis vorgeschlagen. Wer ihn gesehen hat, kann es nicht glauben und verständlicherweise laufen Eltern und Pädagogen Sturm dagegen.

„Keinepreisefürgewalt“ – so lautet der Hashtag, unter dem sich in den Medien die Kritik daran häuft, dass so ein Film ganz sicher nicht mit dem Grimme Preis ausgezeichnet werden sollte. Und wie antwortet das Grimme Institut darauf? „Die Therapieform ist teilweise brachial und vorgestrig. Dennoch ist erst durch diesen Film eine Diskussion über die Würde des Kindes ins Rollen gekommen“.

Da drängt sich allerdings schnell die Frage auf: Muss man Kinder erst misshandeln, um über deren Würde zu sprechen? Muss man ihre Würde erst mit den Füßen treten, um überhaupt darauf aufmerksam zu werden, dass da etwas falsch läuft?

Bleibt nur abzuwarten, ob es wirklich so weit kommt, dass ausgerechnet dieser Film den Grimme Preis erhält oder ob genau das noch einmal abgewendet werden kann.

Der Film Elternschule und warum er die Gemüter so erregt

Im besagten Film geht es um Kinder, die verhaltensauffällig sind und deren Eltern nicht mehr ein und aus wissen. Eine Klinik in Gelsenkirchen unterstützt verzweifelte Eltern dabei, durch ein selbst entwickeltes Therapieprogramm mit ihren Kindern besser zurechtzukommen. Wer allerdings den Film gesehen hat, ist zu Recht entsetzt. Die Maßnahmen, die in der Klinik angewendet werden, stoßen nämlich wahrlich nicht überall auf Gegenliebe – ganz im Gegenteil. Es werden dort Methoden angewendet, die man eher aus der Mitte des letzten Jahrhunderts kennt und die in dieser Art normalerweise heute nicht mehr angewendet werden. Kinder werden abgeschoben, sie sollen lernen, alleine zu schlafen, sie werden mit Kraft festgehalten, damit sie endlich essen, sie müssen regelrechte Trennungstrainings von den Eltern absolvieren, man lässt sie stundenlang schreien, ja, sogar hungern. Wohlgemerkt: Es handelt sich teilweise dabei auch noch um sehr kleine Kinder, die noch nicht mal ein Jahr alt sind. Und das soll zeitgemäß sein? Gerade in der heutigen Zeit, in der man längst weiß, dass man Kinder keinesfalls schreien lassen soll, weil dies negative Auswirkungen auf ihre Seele und ihr Selbstbewusstsein hat?

Völlig zu Recht sind Eltern über die dort gängigen Therapien schlichtweg entsetzt. Schnell ist hier sogar von Gewalt die Rede, von Kindesmisshandlung und von Kindesmissbrauch.

Ein Kinderarzt urteilt sogar ganz besonders hart: In diesem Film, so seine Wahrnehmung, wird mit einer Schamlosigkeit erzieherische Gewalt nicht nur dargestellt, sondern auch verharmlost. Kinderrechte werden missachtet und das Schlimmste daran: am Ende des Films werden diese Praktiken nicht einmal kritisch hinterfragt. Es gibt keinerlei Stellungnahme dazu.

„Der Film zeigt zahlreiche Szenen, in denen Kinder psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt sind“. Und das ist nicht das Zitat von irgendjemandem, sondern vom deutschen Kinderschutzbund. Es steht aber sogar schon im Bürgerlichen Gesetzbuch, dass Kinder ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung haben.

Thema Erziehung – ein zweischneidiges Schwert

Man muss sich das mal vorstellen: Eltern werden sogar regelrecht dazu aufgefordert, ihr Kind auf diese Weise „zu behandeln“. Sicherlich ist das Thema Erziehung immer eine Sache, an der sich die Geister scheiden. Dass man aber heute Kinder nicht mehr mit dieser Härte erzieht, das sollte eigentlich längst in unseren Köpfen angekommen sein. Längst ist bekannt, dass schreien lassen und den Willen brechen keine gute Basis sind für eine liebevolle Erziehung. Schon längst ist auch bekannt, dass man ein Kind im ersten Lebensjahr nicht verwöhnen kann und möglichst immer auf seine Bedürfnisse reagieren sollte.

Erfahrungsberichte von Eltern

Wer sich etwas Zeit nimmt und ein bisschen im Internet recherchiert, findet Erfahrungsberichte von Eltern, deren Kinder dort in Behandlung waren. Nicht nur dass der Wille deren Kinder gebrochen wurde. Auch die Eltern wurden gemaßregelt und oft sogar selber für ihre Misere verantwortlich gemacht. Man redete ihnen dort ein schlechtes Gewissen ein und gab ihnen die Schuld am Verhalten ihres Kindes. Nicht wenige brachen die Therapie ab, andere litten genauso wie ihr Nachwuchs unter den zweifelhaften Methoden.

Nicht unbedingt das, was man psychologisch als sinnvoll erachten würde, oder? Und ja: diese Klinik existiert noch und behandelt nach wie vor mit diesen Methoden. Stellt sich die Frage, wer dort überhaupt noch hingeht nach so viel negativer Presse? Schwierig zu sagen, aber vermutlich sind es unsichere Eltern, die weder ein noch aus wissen und die die Kritiken vielleicht gar nicht mitbekommen haben.

Was sagen Fachleute dazu?

Psychologen und Psychotherapeuten, Pädagogen und Coachs stehen die Haare zu Berge angesichts der Methoden, die in diesem Film gezeigt und offenbar auch in der Klinik angewendet werden. Bei den gängigen Verhaltens-, Schlaf- und Esstrainings lernt das Kind zwar, sich anzupassen, es erfährt aber auch eine menge Stress. Dies führt, so weiß man heute in der Trauma- und Therapieforschung, zu massiven Problemen in der Zukunft. Grundbedürfnisse von Kindern sind Sicherheit, enge Bindungspersonen und Liebe. Werden derart schädliche und veraltete Methoden in den Medien propagiert und angewendet, kann dies beim Kind dauerhaft psychische Schäden verursachen. Aber eigentlich ist das ohnehin etwas, was wohl jeder von uns nur zu gut weiß. In zehn Jahren wundert man sich dann vermutlich, warum genau diese Kinder eine Therapie benötigen oder erst recht verhaltensauffällig sind.

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